Artikel: Vor lauter Scham (von Prof. Joachim Kersten)Erschienen in: Psychologie Heute 12/2009, Seite 36 | Rubrik: Jugendgewalt Joachim Kersten Vor lauter SchamWenn Jugendliche gewalttätig werden, taucht immer die Frage nach dem „Warum“ auf. Zukunftsängste, Orientierungslosigkeit, Gewaltcomputerspiele und viele Gründe mehr erscheinen dann auf der Ursachenliste. Nur selten aber werden Beschämung und Schamgefühle als Auslöser der Gewalt genannt Dominik B. ist mit der Münchner S-Bahn auf dem Weg zu seiner Freundin. Als er beobachtet, wie vier Jugendliche von Schlägern in der Bahn bedroht und attackiert werden, mischt er sich ein. Nach Verlassen der S-Bahn wird er von den Gewalttätern geschlagen und getreten. Wenig später erliegt er im Krankenhaus seinen Verletzungen. Ein junger Strafgefangener trifft nach seiner Entlassung eine gleichaltrige Frau in einem Lokal. Sie nimmt ihn mit zu sich nach Hause. Er bekommt trotz sexueller Erregung keine Erektion zustande und ejakuliert vor der Penetration. Danach beginnt er die Frau zu schlagen und zu quälen, später vergewaltigt er sie. Ein Junge aus einer libanesischen Familie, die im Kiez lebt, scheitert an den schulischen Anforderungen und leidet unter dem Spott der Mitschüler, weil er „komische“ Sachen trägt. Er schließt sich einer kriminellen Clique an. Er hat nun genug Geld, um Designerkleidung zu tragen. Man begeht gemeinsame Raubtaten, wobei die meist männlichen Opfer in Gegenwart ihrer Freundin erniedrigt werden. Es gibt bei all diesen Vorkommnissen einen gemeinsamen Auslöser für die Gewalt: Amok, sexuelle Gewalt, Raub und Körperverletzung sind Folgen der Unfähigkeit, eine als unerträglich empfundene Form der Beschämung zu verarbeiten. Allerdings ist es nicht das Gefühl der Scham als solches, das die Gewalt auslöst, sondern die Unmöglichkeit, Scham als Emotion sozial zu verarbeiten und mit anderen über wütend machende Schamgefühle zu sprechen und sich auf diese Weise vom erdrückenden, erniedrigenden Sich-schämen-Müssen zu befreien. Scham, Wut und Schuldgefühle ziehen in der englischsprachigen Kriminalitätsforschung als moral emotions zunehmend Aufmerksamkeit auf sich. Bei zwischenmenschlicher, auch sexueller Gewalt wird der Scham-Wut-Zyklus als eine zentrale Ursache bezeichnet. Auch bei Konflikten zwischen Völkern und bei Selbstmordattentaten hat die nicht gelernte oder als unmöglich empfundene Verarbeitung von Scham eine zentrale Bedeutung. Hierzulande wird selten über Scham und Beschämung gesprochen, wenn in den Medien Gewaltereignisse debattiert werden. Auch nach Amokläufen an Schulen wird regelmäßig übersehen, dass sich eine als unerträglich empfundene Erniedrigung, vor allem aber ein übermächtiges Schamgefühl, das nicht kommuniziert werden konnte, in schriftlichen Aufzeichnungen, Abschiedsbriefen, Internetbotschaften und Ankündigungen finden lässt. Die gewohnten Ursachenvermutungen wie Gewaltmedien, PC-Spiele, Schützenvereine und Waffen sagen uns zu wenig über den Zustand der Amokläufer vor der Tat. Einer Untersuchung von knapp 30 Schulamokläufen in den USA zufolge war die Mehrzahl der Täter zuvor „erbarmungslos“ gehänselt und gequält worden. Bei diesem Mobbing wurde vor allem die Männlichkeit der späteren Amoktäter infrage gestellt. Die Schüler waren nicht homosexuell, sondern nur „anders“, irgendwie „komisch“, aber eben nicht „richtig“ männlich, und genau dies wurde zum Zentrum des Spotts und der Verachtung. Es ist zumindest nicht auszuschließen, dass ähnliche Vorgeschichten bei den Amoktaten in Erfurt, Emsdetten und Winnenden zur endgültigen Tatentscheidung beigetragen haben könnten. Der Harvard-Wissenschaftler James Gilligan, Direktor des Zentrums für Gewaltstudien, hat eine große Anzahl von Gewalttätern in Gefängnissen untersucht. In den Erzählungen dieser Männer wurde eine empfundene Verweigerung von Respekt zum unmittelbaren Anlass eines Gewaltausbruchs. Von außen betrachtet triviale, oft nur unterstellte Verletzungen der Ehre lösten eine Scham-Wut-Reaktion aus. Die Ausübung von Gewalt wird somit zum Ersatz für den Wunsch, Respekt zu erfahren. Ein als unverschämt empfundener Blick oder eine Bemerkung lassen eine Gewalt explodieren, bei deren Ausübung der Selbstwert des Täters aufgerichtet wird. Am Rande erwähnt der Psychiater Gilligan, dass die von ihm untersuchten Insassen häufig Bettnässer sind. Gewalttätige Männer, die vor nichts zurückschrecken, machen sich nachts in die Hose wie verängstigte kleine Kinder? Wie erlernt man Scham? Im pädagogischen Schrifttum wird gern zwischen der „guten Scham“ und einer „negativen Beschämung“ unterschieden. Letztere sei in der Erziehung unbedingt zu vermeiden, denn den kindlichen Seelen werde Schaden zugefügt, der nicht mehr zu beheben sei. Daran ist vieles falsch: Zum einen kann ohne angemessene (das heißt liebevolle) Praktiken der Beschämung in der Kindheit durch Mutter und Vater Scham nicht entstehen. Die uns Menschen eigene Fähigkeit zur Scham – auch als nach außen wahrnehmbare physiologische Reaktion – muss durch angemessenes Beschämen entstehen. Durch Beschämen erziehen Eltern ihre Kinder zur Reinlichkeit und Körperscham, und durch diese Kommunikation und Interaktion, nicht durch Erniedrigung und Abwertung, entsteht beim Kind das Schamgefühl. Problematisch wird es, wenn sich mit solchen frühen Erfahrungen Zustände der Verlassenheit, der Erniedrigung und des Ausgeliefertseins, also einer existenziellen Angst verbinden, wie sie bei vernachlässigten und misshandelten Kindern Folge ihres Erlebens wird. Maßvolle Schamaffekte können im Kindesalter und in der Adoleszenz nützlich sein, um Konzepte von sich und den anderen zu verändern. Diskrepanzen zwischen den Ist- und Sollzuständen werden „peinlich“ offenbar, und so entsteht innere Motivation zur Veränderung. Ohne solche maßvollen Schamaffekte kann es keine Selbstentwicklung geben. Das Erlernen eines Umgangs mit Scham unterliegt also keinem Reiz-Reaktions-Schema, keiner Konditionierung, sondern ist Ergebnis reziproker Interaktionen, in denen das Kind merkt, dass es um seiner selbst willen geliebt und geachtet wird und nicht nur, weil es etwas richtig macht oder etwas Falsches unterlässt. Der Blick und die Stimme der Zuwendung gebenden Eltern vermitteln dem Kind also eine Art Quittung für das, was es tut oder nicht tut. Spätestens mit dem Einsetzen der Pubertät verknüpfen sich Schamgefühle mit sehr zerbrechlichen Entwürfen von Geschlechtsidentität. Bei Jungen ist das Ganze stärker mit Durchsetzungsvermögen und der Bereitschaft verbunden, auch Gewalt einzusetzen. Es geht darum, ein Ideal von Maskulinität zu verteidigen. Wird der in der Pubertät noch brüchige Selbstwert bedroht, fehlen andere soziale Ressourcen, wird empfundene Respektverweigerung mit Gewalt beantwortet. Gleichzeitig, so zeigt die neuere internationale Forschung, wird die Erniedrigung und „Verweiblichung“ von männlichen Opfern als Lust- und Statusgewinn erlebt. Das unsichere Bild vom Selbst der eigenen Person spiegelt sich im Blick der anderen. Dieser indirekt ausgelöste Impuls zur Selbsterkenntnis ruft den nicht kontrollierbaren Affekt der Scham hervor. Scham ist eine körperliche Reaktion, sie lässt sich nicht beherrschen, sie kann durch Rückzug, aber auch durch Gewalt abgewehrt werden. Der Rückzug ist die kulturell vermittelte weibliche, das Draufhauen die männliche Reaktionsform. Die Ursache für viele Gewalttaten von Jugendlichen ist nicht Orientierungslosigkeit, sondern der Umstand, dass den Tätern die Fähigkeit zur Verarbeitung von Schamgefühlen nicht ausreichend vermittelt wurde oder ihnen durch negative Erfahrungen in ihrer sozialen Umwelt abhanden gekommen ist. Schuld ist dann leichter zu ertragen als Scham über den angerichteten Schaden und das begangene Unrecht, sagt der Psychiater Daniel Strassberg. Delinquenz ist demnach der Versuch, von einem Zustand der Scham in einen der Schuld zu kommen, und dann wird die Gewalt gegen Mitmenschen eine Möglichkeit, der Schande des eigenen offengelegten Minderwerts zu entgehen. Die Unfähigkeit, Schamgefühle angemessen zu verarbeiten, muss auch eine Rolle bei Präventionsmaßnahmen spielen, die Gewalt verhindern, zumindest vermindern wollen. „Restorative“ Verfahren im Umgang mit Gewalt sehen nicht den Schuldspruch, sondern die empfundene Verantwortung für das begangene Unrecht als entscheidenden Schritt zur Wiedergutmachung. Wenn in sogenannten circles oder bei family oder community conferences in Kanada, den USA, Australien und zum Teil auch bei den europäischen Nachbarn das Gewaltgeschehen nachbereitet wird, ist dies eine maßvolle und insofern positive Form der Beschämung. Sie erfolgt im Rahmen eines Reparierens des Schadens und ist etwas anderes als das hilflose Einfordern von Disziplin als Allheilmittel für die Übel der Modernisierung. Scham, sofern nicht traumatisierend in ihrem Ausmaß und/oder ihrer Häufigkeit, kann eine wichtige, die Entwicklung fördernde Funktion haben. Sie führt zu etwas ganz anderem, nämlich zu einer Reintegration des Täters, der anderen Menschen, seinem Gemeinwesen und damit auch sich selbst Übles angetan hat. Ein Gefühl der Scham fehlte bei der Tat, wird aber nun im Nachhinein für alle spürbar vermittelt: eine folgerichtige Reaktion auf das entstandene Problem. Bei Menschen, die Gewalt ausüben, ist der Affekt der Scham häufig nicht verfügbar oder wird abgewehrt. Gewalttaten von Jugendlichen und jungen Männern sind entsprechend oft Verbrechen aus Scham. Eine Bekämpfung dieser Kriminalität wird letztlich ohne ein Aufgreifen der malignen Schamdynamik nicht erfolgreich sein. Schamtäter werden ansonsten durch noch mehr Gewalttaten versuchen, „Scham in Schuld und Großartigkeit zu verwandeln“, wie der Psychoanalytiker Micha Hilgers eindrucksvoll gezeigt hat. Beschämen nach Verstößen gegen die Unverletzlichkeit der Person oder Menschenrechte ist nicht schädlich, sondern notwendig. Das Ertragen der Scham über begangenes Unrecht dürfen wir einem großen Teil der jungen Gewalttäter nicht länger vorenthalten. Solange Täter Scham und die Übernahme von Verantwortung abwehren, werden sie sich selbst als Opfer empfinden und deshalb weiterhin ihre Angriffe als gerechtfertigt, ja als legitim ansehen. Je härter die Strafe, umso wahrscheinlicher wird dieser Effekt. Der Schamaffekt hingegen würde beim Gewalttäter eine „Wirklichkeitsdiagnose“ in Gang setzen, die geänderte Verhaltensmuster wahrscheinlicher macht. An die Beschämung über mangelnde Kontrolle der Impulse erinnert man sich gut. Wer sich selbst als Folge von Disziplinierung und Strafe einen Opferstatus zuspricht, wie viele Gewalttäter es tun, erinnert sich nur an die probate Wirkung der Ausübung von Aggression und Gewalt. Was folgt daraus? In Kindergarten und Grundschule sollten regelmäßige oder anlassbezogene „Kreise“ (circles) zu einem festen Bestandteil des Alltags werden. Kinder lernen, Gefühle und Verletzungen zu äußern und mit denen, die sie verursacht haben, zu sprechen. Die Erzieher und Lehrkräfte müssen darin geschult werden, als Mediator in diesen circles auf Scham auslösende Konflikte einzugehen. Insbesondere Beschämungen und Erniedrigungen mit sexuellem Gehalt dürfen nicht ungeahndet passieren. In Schulen, insbesondere in denen mit einer „Negativauslese“, sind circles unverzichtbar. Es bedarf besonders geschulter Kräfte und entsprechend regelmäßiger Gelegenheiten, um schambesetzte Vorfälle, Verletzungen und Erniedrigungen (die ja auch vom Lehrpersonal ausgehen können) artikulieren zu können und eine Übernahme von Verantwortung im Sinne einer Wiedergutmachung zur normalen Reaktion werden zu lassen. Verantwortung hat selten nur ein einziger „Schuldiger“, denn Bullying ist ein äußerst interaktives Geschehen, das erst vor einem Publikum dem Selbstwert des Täters dient und den des Opfers zerstört. Im Bereich der Jugendgerichtsbarkeit hat die deutsche Praxis im internationalen Vergleich eine der besseren Rechtsgrundlagen, aber gleichzeitig eine komplett überlastete Praxis. Es dauert zu lange, bis auf Gewalttaten Jugendlicher reagiert wird. Wenn der Täter vor dem Richter steht, weiß er gar nicht mehr, um welche Prügelei oder Abzieherei es sich eigentlich handelt, weil sein Alltag davon so viele enthält. Es müssen deshalb zeitnah conferences stattfinden, auf denen Gewalt unter Beteiligung der Peers von Tatverursacher und Opfern und der jeweiligen Familienangehörigen zur Sprache kommen kann. Unter Anleitung einer geschulten Vertrauensperson und Einhaltung strikter ethischer Regeln müssen Täter und Opfer sich an einen Tisch setzen. Der Blick der am Tisch versammelten Menschen muss vom Täter ertragen werden, dafür erhält er die Chance der Wiedergutmachung. Man wird zwar weiterhin auf schwere Gewalt wie bisher reagieren müssen, kann aber minderschweres Geschehen aus den förmlichen Verfahren heraushalten, ohne zu lange nichts zu tun. Aus nicht erfolgten oder – aus ihrer Sicht – „läppischen“ Reaktionen ziehen gewaltgeübte Jugendliche den Schluss „Weitermachen ist okay, es passiert nichts“. Gewalttätern mangelt es an der Fähigkeit, Gefühlszustände mental zu verarbeiten. Scham muss als Affekt mit dem Selbstbild in Übereinstimmung gebracht werden. Dies muss – frei nach Alexander Kluge – durch Lernprozesse mit gütlichem Ausgang erfolgen. Das kann nur geschehen, indem Scham als soziale Erfahrung, als Missbilligung erlebbar wird, die das Selbst nicht erniedrigt vernichtet, sondern ihm eine Chance zur Veränderung bietet. Scham wird durch klärende, wahrhaftige und in der Perspektive versöhnende Beziehungen zu anderen Menschen ertragen und bewältigt. Die Ausübung von virtueller und tatsächlicher Gewalt, speziell zur Abwehr von Scham, erzeugt sinnliches Vergnügen. Dem ist weder mit moralisierendem Expertentum noch mit Arrest oder Bootcamp beizukommen. Nur das Erlernen von Mitgefühl verdirbt den Spaß an der Gewalt. Literatur
Joachim Kersten ist Universitätsprofessor an der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster. Er forscht zu den Themen Gewalt, Geschlecht und Kultur. Zahlreiche Veröffentlichungen, darunter (zusammen mit Hans-Volkmar Findeisen): Der Kick und die Ehre. Vom Sinn jugendlicher Gewalt. Kunstmann, München 1999. © Psychologie Heute, Beltz Verlag, D-69469 Weinheim. Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Übersetzung, Nachdruck, Vervielfältigungen auf fotomechanischem oder ähnlichem Weg oder im Magnettonverfahren, Aufnahme in Onlinedienste und Internet, Verwendung für Vortrag, Funk- und Fernsehsendung sowie Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen – auch auszugsweise – bleiben vorbehalten. Kopien dürfen nur für den persönlichen Gebrauch hergestellt werden. |